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22.01.2021

PROBLEME BEI DER IMPFSTOFF-LOGISTIK - „Das ist ein Wahnsinn“

EIN INTERVIEW MIT GERD KERKHOFF am 22. Januar 2021

Die Probleme bei der Impfstoff-Logistik verhindern einen schnelleren Fortschritt beim Bekämpfen der Corona-Pandemie. Gerd Kerkhoff gilt als Pionier in Sachen Einkaufsberatung und geht hart mit der Bundesregierung ins Gericht. Ihn ärgert, dass es keine Konsequenzen aus dem Versagen gibt.

Gerd Kerkhoff ist Geschäftsführer des Beraterunternehmens Kerkhoff Group und gilt als ein Pionier der Einkaufsberatung in Deutschland.

Herr Kerkhoff, Sie beraten mit Ihrer Firma Unternehmen bei der Logistik, also bei der Beschaffung von Produkten und dem Lieferketten-Management. Wie beurteilen Sie die Leistung der Bundesregierung auf diesem Gebiet in Sachen Corona-Impfstoff?

Mit einer glatten Sechs.

Warum so harsch?

Man muss den Einkauf des Impfstoffes als einen ganz normalen Beschaffungsprozess betrachten. Ob ein Autohersteller neue Schlösser braucht oder eine Regierung Impfstoff, unterscheidet sich im Prinzip nicht. Nur ist es in diesem Fall der bedeutendste Beschaffungsprozess, den die deutsche Regierung seit dem Zweiten Weltkrieg durchführen musste. Da geht es einerseits um Leben und Tod. Und andererseits darum, ein finanzielles Desaster zu verhindern, weil der Lockdown pro Monat zehn Milliarden Euro kostet.

Und da hätte man anders priorisieren müssen?

Genau. Bei der Beschaffung ist es das Ziel, die richtige Menge eines Produkts zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu bringen zu einem respektablen Preis. Das lernt man im ersten Semester BWL. Nur hat die Politik, und damit meine ich Deutschland und Europa, offenbar nicht verstanden, dass es auf der Lieferantenseite eine spezielle Marktsituation gibt. Wenn es da einen Monopolisten gibt, dann bekommt der Preis eine völlig untergeordnete Rolle. Dann geht es nur noch um Verfügbarkeit. Man hätte also bei allen Herstellern, die offenbar in der Lage wären, einen Impfstoff herzustellen, sofort die Menge bestellen müssen, die für Deutschland benötigt wird. Man würde ja, wenn man dann zu viel haben sollte, nicht darauf sitzen bleiben. Deutschland hätte um den Preis gar nicht verhandeln sollen, sondern ihn erhöhen, etwa in dem man sagt: Auf alle Dezember-Lieferungen zahlen wir 100 Prozent Aufschlag, auf alle Januar-Lieferungen 50 Prozent. Damit wäre man der attraktivste Abnehmer für ein Unternehmen wie Pfizer, das ja auch zwei Milliarden Euro in die Impfstoff-Entwicklung investiert hat.

Immerhin hat der deutsche Steuerzahler Biontech, den Partner von Pfizer, auch mit erheblichen Summen unterstützt.

Ja, aber da kommen wir gleich zum nächsten Priorisierungsproblem. Das Zuwendungsgesetz schließt einen Vorteil für Deutschland aus, weil die Entwicklung aus Deutschland stammt. Und das Vergaberecht hätte so ein Vorgehen wie beschrieben auch nicht ermöglicht. Nur frage ich mich dann: Für den Lockdown schränken wir Grundrechte ein, aber bei der Beschaffung des Impfstoffs, der den Lockdown verkürzen kann, ist die Politik nicht bereit, in die Gesetze einzugreifen? Das ist intellektuell nicht mehr zu verstehen. Zumal wir auch keine Impfzentren bräuchten und keine Teiltriage, indem bestimmte Gruppen zuerst dran sind, wenn wir jetzt 60 Millionen Impfdosen hätten.

Aber auch bei den Impfdosen, die da sind, gibt es offenbar Probleme bei der Verteilung. Was läuft da schief?

Dass die Lieferkette nicht hinzukriegen ist bei diesen homöopathischen Dosen, das ist ein Wahnsinn. Zumal es nur darum geht, einen Impfstoff aus Belgien durch die Republik zu schicken. Um die Prozesse zu optimieren, könnte man mit spieltheoretischen Ansätzen verschiedene Szenarien modellieren. So würden wir als Berater vorgehen.

Aber das Problem ist doch, dass Pfizer die Produktion umgestellt hat und deswegen zunächst weniger Impfstoff produziert.

Um das genau beurteilen zu können, müsste ich die Verträge kennen. Aber selbst EU-Abgeordnete bekommen nur geschwärzte Verträge zu sehen. Auch bei diesen kleinen Mengen müsste man aber versuchen, so viel wie möglich zu bekommen. Man könnte da Anreize schaffen, etwa indem man Pfizer zusagt, auch bei anderen Mitteln, etwa bei Grippe-Impfstoffen, eine bestimmte Menge abzunehmen. Und natürlich über den Preis. Nochmal: Die Kosten dürften da eigentlich keine große Rolle spielen. Jede Woche, in der zu wenig Impfstoff da ist, kostet Milliarden von Euro und 7000 Tote.

Nun hatten wir auch im vergangenen Frühjahr schon ein Logistik-Problem, und zwar bei den Masken. Kann Deutschland keine Logistik mehr?

Offenbar sind Politiker nicht gut in der Ausführung von Entscheidungen. Bei fast jedem größeren Beschaffungsprojekt der Politik gab es einen Skandal. Bei den Masken hat man sich, nachdem man viel zu lange mit der Massenbeschaffung gewartet hatte, für ein Open-House-Verfahren entschieden. Das heißt, man macht ein Angebot mit nicht verhandelbaren Bedingungen, und wer sich darauf einlässt, bekommt den Zuschlag. Darauf haben sich dann mehr als 700 Händler eingelassen, gut die Hälfte davon hat dann auch geliefert. Viele wurden aber bis heute nicht bezahlt. Die Masken liegen jetzt irgendwo in Deutschland rum, und um das ganze Chaos in den Griff zu bekommen, hat man noch einmal für viel Geld einen externen Dienstleister beauftragt. Das ist doch ein Tollhaus!

Das heißt, das Bundesgesundheitsministerium hätte sich vorher Rat aus der Wirtschaft holen müssen?

Das Ministerium hat ja mit der Beschaffung von Ausrüstung, und dann auch noch in dieser Dimension, gar keine Erfahrung. Ihm ist auch kein Beschaffungsamt unterstellt. Offenbar ist aber der Einkauf etwas, was sich jeder zutraut, nach dem Motto: Das kennt man ja aus dem Alltag, das kann nicht so schwer sein. Tatsächlich aber ist es eine hochkomplexe Angelegenheit mit zahlreichen Unwägbarkeiten, die man umschiffen muss. Was mich aber auch ärgert ist, dass es gar keine Konsequenzen aus dem Versagen gibt. Ein Unternehmen, das so agieren würde, wäre schon längst weg vom Fenster. Manager, die Fehler machen, landen vor Gericht, siehe Martin Winterkorn und Rupert Stadler. Die Politiker aber machen fröhlich weiter und schützen sich gegenseitig. Dabei geht es um Leben und Tod und, wegen der enormen Schuldenanhäufung, um die Zukunft unserer Kinder.

Das Gespräch führte Constantin Wißmann.

AUTORENINFO

Constantin Wißmann ist freiberuflicher Journalist. Kürzlich ist sein Buch „Bedingt einsatzbereit. Wie die Bundeswehr zur Schrottarmee wurde“ im riva-Verlag erschienen.

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