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13.11.2017

Energieeinkauf: Hausaufgaben machen und sparen

Große Abschläge vom Strom- oder Gaspreis lassen sich heute nicht mehr aushandeln - wohl aber die Energielieferung ergänzende umfassende Dienstleistungspakete. Diese helfen unerfahrenen Einkäufern, ihre Energiebeschaffung zu optimieren.

Energie einkaufen kann jeder. Davon ist Matthias Berg überzeugt. Denn Strom oder Gas zu beschaffen, so der Leiter des Kompetenzzentrums innovative Beschaffung beim Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME), unterscheide sich nicht wesentlich vom Einkauf anderer Dienstleistungen. „Auf dem Energiemarkt sind die Preise inzwischen so transparent, dass sich Energielieferanten nur noch durch den Service von ihren Wettbewerbern unterscheiden können, den sie zusätzlich zur Strom— oder Gaslieferung anbieten“, erklärt Berg und ergänzt: „Da Anbieter nicht mehr mit Preisen locken können, die deutlich günstiger sind als die der Konkurrenz, sind sie dankbar, wenn sie für ihre Unternehmenskunden unterschiedliche Dienstleitungen im Bereich der Energiebeschaffung erbringen können.“

Das sieht auch René Schumann so. Für den Partner und Gesellschafter des Einkaufsdienstleisters Kerkhoff Negotiate & Contract GmbH steht fest: Das größte Einsparpotenzial lässt sich beim Energieeinkauf durch eine optimale Gestaltung des Vertrags mit dem Lieferanten erzielen. Das lohnt sich. Auch davon ist Schumann überzeugt: „Denn die meisten Verträge mit Strom- oder Gaslieferanten bevorzugen einseitig den Lieferanten, wenn sie nicht aktiv optimiert werden. Dabei verschenken Unternehmen Einsparpotenziale von fünf bis neun Prozent.“

Leisten können sich deutsche Unternehmen dies nicht. Immerhin zahlen Angaben des Statistikportals Statista zufolge Industriekunden für Strom weltweit nur in Italien noch mehr als in Deutschland. Mit einem Anteil von 54 % bilden dabei zudem Positionen wie Steuern, Abgaben und die Erneuerbare-Energienumlage den größten Kostenblock des Strompreises. Aufwendungen also, mit denen Unternehmen keinerlei produktive Wertschöpfung betreiben können. Kein Wunder, dass mehr als jeder fünfte Mittelständler in einer aktuellen Umfrage der Unternehmensberatung KPMG die hohen Energiepreise als eine der größten Gefahren für die Entwicklung seines Unternehmens nennt.

Trotzdem verzichtet nach wie vor jedes dritte Unternehmen darauf, seine Energiebeschaffung zu optimieren und setzt stattdessen lieber auf teure Festpreisverträge, berichtet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Matthias Berg vom BME kann dies nicht verstehen: „Zumal Einkäufer ihre Verhandlungserfahrung gegenüber Energielieferanten gerade dort ausspielen können, wo sich diese von ihren Konkurrenten unterscheiden - bei der Vereinbarung der Dienstleistungen, die der Versorger über die Lieferung der Energie hinaus erbringen soll.“ Gerade diese Dienste helfen Unternehmen jedoch, bei der Energiebeschaffung zu sparen. „So fahren Einkäufer beispielsweise selbst bei einem Tranchenmodell auch dann noch besser als mit einem Festpreisvertrag, wenn sie vor lauter Arbeit einmal vergessen, in einem Abrechnungszeitraum eine Tranche zu setzen“, weiß BME-Experte Berg. Schließlich könnten sie vereinbaren, dass automatisch eine Tranche gesetzt werde, wenn sie selbst keine Order tätigen. Oft sei der Preis dann immer noch günstiger als bei einem zum falschen Zeitpunkt abgeschlossen Fixpreisvertrag. Bei einem Tranchenmodell müssen Einkäufer auch nicht jeden Tag Stunden dafür aufwenden, um die Preisentwicklung an den Strom- und Gasmärkten zu beobachten. „Sie können ihren Versorger oder einen Dienstleister dazu verpflichten, ihnen anzuzeigen, wann der Zeitpunkt günstig ist, um die nächste Tranche zu ordern“, empfiehlt Tim Romswinkel, Energieberater bei Kerkhoff Negotiate & Contract. Alternativ können sie vereinbaren, dass sie der Lieferant mit zuverlässigen Marktberichten und -prognosen versorgt, um selbst den besten Kaufzeitpunkt bestimmen zu können.

Um auf den Strom- und Gasmärkten mit dem richtigen Timing zu günstigen Preisen einzukaufen, muss man sich genügend mit dem Markt auseinandersetzen. „Wer in der Anfangsphase mit einem Energieberatungshaus oder -lieferanten einen Vertrag mit entsprechendem Service Level aushandelt, kann aus der Zusammenarbeit das lernen, was er braucht, um den Energieeinkauf später selbst zu managen“, rät Berg. „Dabei kann ich meine Vertragspartner sogar dazu in die Pflicht nehmen, mir die Daten und technischen Erkenntnisse zu liefern, die ich brauche, um mein Bedarfsprofil zu optimieren“, ergänzt Kerkhoff-Partner Schumann. So müsse beispielsweise der aktuelle Energieversorger eines Unternehmens auf Nachfrage Auskunft über dessen Lastgang geben können. „Sich vom langjährigen Lieferanten beraten zu lassen, hat auch den Vorteil, dass dieser genau weiß, wie die Produktion des Unternehmens läuft, wann dieses bestimmte Verbrauchsspitzen hatte und wann es in der Vergangenheit Gefahr lief, mehr oder weniger Energie abzunehmen als vereinbart und dafür Zuschläge zahlen musste“, weiß BME-Experte Berg.

Diese Daten brauchen Einkäufer, um ihren Bedarf ausschreiben zu können. Denn je mehr Angaben sie potenziellen Energielieferanten bei einer Ausschreibung machen, desto genauer können die Anbieter abschätzen, wie gut der Neukunde mit seinem Versorgungsprofil in ihren Bilanzkreis passt. Auf diesem virtuellen Energiemengenkonto gleichen Versorger den Bedarf ihrer Kunden mit der von ihnen erzeugten oder zugekauften Menge Gas oder Strom ab. Je näher der Saldo bei Null liegt, desto günstiger können Lieferanten ihre Energie anbieten. Je genauer Einkäufer also dokumentieren können, dass sich ihr Unternehmen ideal in den Bilanzkreis eines Versorgers einfügt, desto mehr Einsparpotenziale können sie darüber hinaus selbst rausholen.

Vertragsmodelle beim Energieeinkauf

Festpreismodell

Dabei zahlen Sie für die Energie, die Sie während der Vertragslaufzeit benötigen, den Preis, der zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses gilt.
Vorteil: Sie haben absolute Planungssicherheit und so gut wie keinen Arbeitsaufwand.
Nachteil: Sinken die Preise, haben sie Zu teuer eingekauft.

lndexierte Beschaffung
Hier orientiert sich der Preis an den fortlaufenden Notierungen für Strom oder Gas während der Vertragslaufzeit. Es entsteht ein Durchschnittspreis.
Vorteil: Ihr Preisrisiko ist niedriger als beim Festpreismodell bei gleichzeitig geringem Aufwand.
Nachteil: Sie sparen nicht mehr, als eine günstige Preisentwicklung hergibt.

Tranchenmodell

Bei dieser Variante bestellen Sie die benötigte Energie in einer festgelegten Zahl von Teilmengen. Den Zeitpunkt dafür bestimmen Sie. Für jede Tranche zahlen Sie den Preis, der zum Zeitpunkt der Bestellung gilt. Sie können unterschiedlich große Tranchen ordern.
Vorteil: Ihr Preisrisiko ist deutlich geringer als bei den anderen Vertragsvarianten.
Nachteil: Sie sind von zuverlässigen Preisprognosen abhängig und müssen die Energiemärkte kontinuierlich beobachten.

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